Strippelmann Martin

Martin Strippelmann (geb. 1951)

In bestimmter Hinsicht arbeite ich wie ein Wissenschaftler. Mich interessieren Tatsachen: Das, was immer gültig ist. Ich erfinde nichts. Ich bediene mich existierender Formen, Farben, Strukturen und Verfahren. Finde ich beim ziellosen Spielen etwas Interessantes, untersuche ich es im Hinblick auf seine Eignung als Material.
In der weit über hundertjährigen, lebendigen Tradition der abstrakten bildenden Kunst fand ich von Anfang an mein natürliches Spielfeld.
Dort bin ich mit meinen persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten, Vorlieben und Interessen am richtigen Platz. Denn mir geht es vor allem um Vertiefung und Verbesserung, sicher auch um Innovation, nicht aber um Novitäten. Mit meiner künstlerischen Methode führe ich heute bildnerische Formulierungen von äußerster Verbindlichkeit aus. Hauptthema ist die Untersuchung und Darstellung der Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen in einem Gefüge und in ihrem Verhältnis zum Ganzen. Für mich als Maler geht es dabei vorrangig um die vollkommen definierte Gestaltung des Farbintervalls, gerade auch bis in den unerschöpflichen Bereich der unbenennbaren Farbigkeiten hinein.
Was meine innere Haltung betrifft, bin ich beim Arbeiten immer ganz persönlich: Gerade in der konsequenten Ausübung kompositorischer Strenge mit abstrakten Mitteln und Konzepten. Berühre ich dabei manchmal Themen und Positionen anderer Künstler, ist mir das durchaus lieb. Denn meine eigenen Gestaltungen sind immer auch die Auseinandersetzung mit dem schon Gesehenen.  (Martin Strippelmann, 2016)



Vita

1951 geboren in Niedermeiser, Nordhessen
1973-79 Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg
Seitdem freier Künstler zunächst in Hamburg
1981 und 1988 Arbeitsstipendien der Erdwin Amsinck Stiftung
seit 1989 in Köln
Dauernde Sicherung des Lebensunterhalts durch Nachtschichten als Arbeiter bei der Post
Lehraufträge an der Universität Wuppertal 1992/93 und der Fachhochschule Düsseldorf 1993-96
seit 1997 Existenz in einverständiger Zurückgezogenheit vom Kunstmarkt
Martin Strippelmann lebt und arbeitet in Köln

Ausstellungen

198o Studio F, Ulm
1981 Kunst+Architektur, Hamburg
1982 Kampnagelfabrik, Hamburg
1984 Kunst+Architektur, Hamburg
1987 Kampnagelfabrik, Hamburg
1990 Galerie Maria Wilkens, Köln
1991 Durhammer Galerie, Frankfurt/Main
1992 Galerie Maria Wilkens, Köln
1995 Durhammer Galerie, Frankfurt/Main
1996 Art Basel, Statements, bei Galerie Hans Mayer, Düsseldorf
1997 Stadtmuseum Siegburg (mit Katalog)
2001-04 Werkschau in 7 Studioausstellungen in halbjährlichem Abstand, Köln (nichtöffentlich)
2005 The Motion Gallery, nichtöffentliche Präsentation, Etage eines Gründerzeithauses, Köln
2006 The Motion Gallery, nichtöffentliche Präsentation, drei Etagen eines Gewerbegebäudes, Köln
2017 André Kirbach, Düsseldorf (Gemeinsam mit Jan Kollwitz)

künstlerischer Werdegang

Ab 1961 besucht Martin Strippelmann das Wilhelms-Gymnasium für Jungen in Kassel. Er wird Mitglied im Knabenchor und die Schule ermöglicht ihm privaten Unterricht auf dem Waldhorn. Er musiziert im Schulorchester und weiteren Jugendsinfonieorchestern und nimmt mehrmals am Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ teil. Außerdem singt er bis 1986 in verschiedenen Chören und Gesangsensembles und macht vielfältigste musikalische Erfahrungen, sowohl als Mitwirkender wie auch als begeisterter und interessierter Zuhörer.
Ab der Unterprima hat er Kunst als „Wahlpflichtfach“ bis zum Abitur, 1971 und ist fasziniert von der Documenta 4, 1968 und Documenta 5, 1972.
Seine erste Freundin, mit der er bis 1981 zusammen bleibt, inspiriert ihn zu seiner ersten ernsthaften künstlerischen Arbeit, was die Wirkung eines Erweckungserlebnisses hat. Sie ist es auch, die ihn auf den Bauhaus Künstler Josef Albers hinweist. Bei der Erarbeitung der Bewerbungsmappe für ein Design Studium findet M. Str., durch Albers angeregt, die Grundfigur der späteren „Take Five“ Projekte und entwickelt erstmals systematische formale und farbliche Konzepte. Ab 1973 studiert er an der Kunsthochschule Hamburg. Er entzieht sich bald dem desolaten Fachbereich der visuellen Kommunikation, lernt Siebdruck und beginnt eigene freie Projekte, in denen er systematische Farbmischung durch das Schichten von Lasuren erprobt.
Im nächsten Jahr wird er in die Klasse des brasilianischen Op Art- und Gruppe Zero Künstlers Almir Mavignier aufgenommen, der als Absolvent der Ulmer Hochschule für Gestaltung unter anderem bei Josef Albers studiert hatte. Mavignier fordert ihn auf, mit Malerei zu beginnen.
1975 entsteht erstmals Malerei in Gestalt der Op Art beeinflussten Acrylbilder zu den Themen „Konstruktive Destruktion/destruktive Konstruktion“ sowie „Strukturelle Permutation“.
M. Str. entscheidet sich bewusst für ein Leben als Freier Künstler. Die Unzufriedenheit mit der farblichen Banalität der eigenen Arbeiten führt zur Beschäftigung mit der Technik der Renaissancemalerei und der Entdeckung ihrer Subtilität und Komplexität. Es folgt ein malerischer Neubeginn.
In den kleinen Formaten der„Variationen eines Themas“, 1976/77 deutet sich erstmals die Methode der systematischen Lasurmalerei an. Gleichzeitig ist dies der erste Versuch, das „Take Five“ Thema von 1972 mit malerischen Mitteln zu gestalten. Wegen der Beliebigkeit der Beziehung zwischen Farbe und Form wird dies zwar vorerst nicht weiter verfolgt, weckt aber Interesse am konzeptionellen Arbeiten.
Als das erste von vielen später folgenden weiteren Projekten entstehen die schwarz-weißen „Markierungen“, ein „Take Five“ Derivat, 1977. Und im Projekt „Vice versa“, 1978 findet die bis heute benutzte Methode der systematischen Lasurmalerei erstmals konsequente Anwendung. Von nun an beschränkt sich die Farbpalette auf die Primär- und Sekundärfarben, die zur Erzeugung von potenziell unzählbar vielen verschiedenen Farbklängen transparent übereinander geschichtet werden können.
Ab 1980 bezeichnet M. Str. die eigenen Arbeiten als „relationale Farbgefüge“. Bis 1983 entstehen mit den „Permutationen“ und „Transcolorationen“ großformatige Tableaus aus mehreren, gleich großen, separaten quadratischen oder dreieckigen Tafeln, die auf vieldeutige Weise monochrom erscheinen und deren Farbigkeit materialhaft wirkt. Das Formale ist hier auf das unvermeidlich Notwendige beschränkt und das eindeutige Hauptinteresse gilt der Gestaltung des Farbintervalls, was die Arbeiten puristisch und meditativ wirken lässt.
Gleichzeitig führt die additive Bauweise und die Verwendung von dreieckigen Bauelementen zu immer weitergehenden Experimenten das Bildformat und die Bildgestalt betreffend.So gibt es schräge oder gezackte Bildgestalten, und sogar Durchbrüche der Bildfläche. Als Höhe- und Schlusspunkt dieser Forschungen entsteht von 1984 -87 das Projekt „In our dreams (we can fly)“. Die aus 36 Farbschichten bestehenden und auf einem isometrischen Raster aufgebauten und unterschiedlich geformten Tafelbilder resultieren in jedem Gestaltungsdetail jeweils aus einem einzigen Code und entwickeln sich aus einem Keimpunkt heraus gleichsam von selbst in ihrer individuellen formalen und farblichen Erscheinung. Dabei verbindet sie untereinander eine gemeinsame, quasi anatomische Struktur.
1988-91 geht es im Projekt „Ex oriente lux“ um das Diagramm-artige Abbilden jeweils vier verschiedener sich überlagernder Farbschichten bei Gebrauch aller sechs Primär- und Sekundärfarben in allen möglichen verschiedenen Reihenfolgen, und das Ordnen der Resultate nach strukturellen Verwandschaften. Seitdem findet der Begriff „Relationale Malerei“ Verwendung.
Die Projekte „Same As It Ever Was“, 1992 und „Janus“, 1993-97 stellen die Haupternte des 1972 gefundenen „Take Five“ Themas dar. Jetzt stehen die Mittel zur Verfügung, um die formalen Entwürfe mit einem adäquaten Farbkonzept zu verbinden. Die Herstellung von Janus dauert fünf Jahre.
Danach folgt eine dreijährige Revision des bisherigen Gesamtwerks. Sie zeigt nun, dass zwar die Farbkonzepte aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre und das daraus entstandene Material tauglich, die großen Formate und die Experimente mit dem Bildformat aber gestalterische Fehlentscheidungen und modernistische Sackgassen sind, die der Korrektur bedürfen. Glücklicherweise kann man Zusammengebautes wieder zerlegen und die Einzelteile neu und anders ordnen.In der Folge werden fast alle großen Tableaus demontiert und ihre Teile in neuen Formulierungen wieder zusammengefügt. Zwei der elf so neu entstandenen Projekte wurden 2006 abermals umformuliert.
Darüber hinaus wurde Weniges zerstört, Einiges modifiziert und restauriert und Alles präsentierbar gemacht.
In den letzten zehn Jahren entstanden drei neue Malereiprojekte und erst jetzt zahlreiche Projekte mit Papierarbeiten, die zum Teil seit Langem geplante Nachträge und Kommentierungen früherer Arbeiten sind. Inzwischen ist alles, beginnend im Jahr 1974, vollständig dokumentiert.
Neben der Ausarbeitung neuer Projekte, besteht die tägliche Arbeit von Martin Strippelmann heute, zu einem größeren Teil als jemals zuvor, im ständigen Betrachten und Reflektieren dessen, was an Werken bisher entstanden ist und was er heute Relationale Kunst nennt.
(2015)